Wie Rechtsvisualisierung das Recht verständlicher macht

Zeichnung: Philipp Heinisch

Der Bedarf an verständlichen Rechtsinformationen ist groß. Das gilt vor allem für Publikationen, Vorträge, Seminare und Beratungsangebote, die sich an juristische Laien richten. Jurist(inn)en sind hier in besonderem Maße gefordert, ihr Fachwissen nicht nur zielgruppengerecht aufzubereiten und in klare Worte zu fassen, sondern auch Strukturen und Zusammenhänge anschaulich zu vermitteln. Neben gut strukturierten Ausführungen hilft dabei allem die Visualisierung der Inhalte.

Rechtsinformationen verständlich vermitteln

Wer Rechtsinformationen für juristische Laien aufbereiten möchte, muss drei Aufgaben meistern:

  • Er/Sie muss die Inhalte didaktisch reduzieren, also aus der Fülle an Informationen zu einem Thema diejenigen auswählen, die in der konkreten Informationssituation für die jeweilige Zielgruppe relevant bzw. besonders wichtig sind. Dabei sind auch die Rahmenbedingungen zu berücksichtigen, also z. B. eventuelle Vorgaben zum Format und Umfang einer Publikation oder die zur Verfügung stehende Zeit bei einem Vortrag oder Seminar.
  • Er/Sie muss die Inhalte in klare Worte fassen, also verständliche Sätze formulieren und Fachbegriffe erläutern.
  • Und er/sie muss die Inhalte strukturiert darbieten. Die schriftlichen oder mündlichen Ausführungen müssen also eine innere Ordnung aufweisen, wobei man Texten diese Ordnung auch äußerlich ansehen sollte. Wichtig ist die geordnete Darbietung deshalb, weil die Leser(innen) nicht nur einzelne Sätze verstehen sollen, sondern die Ausführungen im Ganzen. Im Recht heißt das insbesondere, dass sie einzelne Informationen in ihrem Kontext wahrnehmen und dessen Strukturen begreifen. Die meisten Vorschriften mitsamt den darin enthaltenen Regeln, Vorgaben, Informationen und Begriffen sind nämlich als Teile eines Gefüges miteinander verbunden, beziehen sich aufeinander und setzen einander voraus. Besonders gut sieht man dies bei Verfahrensabläufen und Systematiken oder auch bei Rechtsmodellen, also Darstellungen, die zeigen, wie bestimmte Rechtsregeln oder -institute grundsätzlich funktionieren, z. B. eine Forderungsabtretung oder Bürgschaft. Wer diese Strukturen kennt, hat es leichter, sich im Recht zu orientieren, Inhalte zu verstehen und sie zu behalten. Dagegen lässt sich mit einzelnen Regelungen für sich genommen häufig nur scheinbar etwas anfangen.
Wie die verständliche Vermittlung von Rechtsinformationen gelingt
Wie die verständliche Vermittlung von Rechtsinformationen gelingt

Die Grenzen gut strukturierter Texte und Vorträge

Jurist(inn)en vermitteln Rechtsinformationen in aller Regel in Textform oder mündlich in Vorträgen und Seminaren, sie nutzen also für die strukturierte Darbietung der Inhalte ausschließlich die verbale Sprache. Das hat durchaus seine Berechtigung, denn mittels Sprache lässt sich schon eine Menge für die geordnete Darbietung von Inhalten tun. So können bereits gut strukturierte Ausführungen den Leser(inne)n und Zuhörer(inne)n die nötige Orientierung im Thema bieten, helfen, den Ausführungen zu folgen, Zusammenhänge zu erkennen und wesentliche Aussagen zu erfassen. Erreicht wird all das durch die folgerichtige Vermittlung von Informationen und ihre logische Verknüpfung sowie die Hervorhebung/Betonung von Wichtigem. Bei Texten kommen noch hinzu: eine übersichtliche Gliederung, treffende Überschriften und Zwischenüberschriften, eine durchdachte Absatzbildung, Marginalien, Merkkästen etc.

Wie Sie einen guten strukturierten Informationstext schreiben, lesen Sie im Beitrag 10 Tipps für besser strukturierte juristische Informationstexte.

Verbale Sprache hat nur einen Haken: Sie ist linear aufgebaut – ein Satz folgt dem nächsten. Möchte man nicht lineare Strukturen und Zusammenhänge vermitteln, was im Recht häufig vorkommt, kann man diese in einem Text folglich nicht optisch kenntlich machen, sondern nur mit Worten beschreiben und erklären. Das ist nicht immer leicht, kann aber durchaus gelingen. Einfacher wäre es allerdings, den Leser(innen) die Struktur zu zeigen. Bei mündlichen Ausführungen gilt das erst recht, denn hier fällt die optische Unterstützung der Ausführungen durch Formatierung und Layout weg. Es kommt umso mehr auf die Formulierungen an. Denkbar ist lediglich, begleitend eine Präsentation, ein Handout o. ä. zur Orientierung der Zuhörer(innen) und Strukturierung der Inhalte einzusetzen.

Rechtliche Strukturen sichtbar machen

Um sowohl nicht lineare als auch lineare Strukturen und Zusammenhänge im Recht sichtbar zu machen, gibt es die Rechtsvisualisierung. Sie entlastet Jurist(inn)en von der schwierigen Aufgabe, komplexen rechtlichen Zusammenhängen ausschließlich mit Sprache gerecht werden zu müssen, und die Adressat(inn)en sehen, was gemeint ist, und verstehen so besser und schneller, was man ihnen sagt.

Strukturen des Inhalts sichtbar machen
Strukturen des Inhalts sichtbar machen

Mit einem Beispiel aus dem Arbeitsrecht möchte ich es etwas konkreter machen:

Nehmen wir an, Sie sollen einen Informationstext zur Leiharbeit schreiben: Wie funktioniert sie? Und was ist wesentlich? Bekanntlich gibt es bei der Leiharbeit drei Beteiligte und zwei Verträge. Der Verleiher schließt einen Arbeitsvertrag mit dem Leiharbeitnehmer und zwischen Verleiher und Entleiher wird ein Arbeitnehmerüberlassungsvertrag geschlossen. Es liegt deshalb nahe, den Informationstext zum Thema entweder nach Beteiligten oder nach Verträgen aufzubauen:

Text zur Leiharbeit: Aufbau nach Verträgen oder Beteiligten

Dabei würden Sie beim Aufbau nach Verträgen natürlich auch erwähnen, wer jeweils an diesen beteiligt ist, und beim Aufbau nach Beteiligten würden Sie auch darauf eingehen, welche Verträge diese schließen. Sie müssten sich für eine Aufbauvariante entscheiden und könnten dann alle wichtigen Informationen zu den einzelnen Punkten nacheinander ausführen.

Nun deuten die drei Beteiligten und zwei Verträge allerdings darauf hin, dass wir es bei der Leiharbeit mit einer nicht linearen Struktur zu tun haben. Diese können die Leser(innen) leichter verstehen, wenn man sie ihnen zeigt. Aussehen kann das z. B. so:

Schaubild: Wie funktioniert Leiharbeit?

Hier haben Sie die drei Beteiligten und die beiden Verträge in einer Übersicht vereint. Dabei ist auf einen Blick sichtbar, zwischen welchen Beteiligten die beiden Verträge geschlossen werden. Es wird sogar deutlich, welche Leistungen ausgetauscht werden. In Textform sind außerdem wichtige Informationen zur ersten Orientierung ergänzt.

Über die textliche Aufbereitung der Inhalte können Sie natürlich deutlich mehr Informationen vermitteln. Die Visualisierung erleichtert den Betrachter(inne)n jedoch, die Grundstruktur der Leiharbeit zu verstehen und sich im Thema zu orientieren. Dieses Grundverständnis führt wiederum dazu, dass sie Detailinformationen besser einordnen können.

Die Übersicht zur Leiharbeit ist ein juristisches Schau- bzw. Strukturbild.

Juristische Schaubilder kombinieren Text, Formen und Bilder mit dem Ziel, rechtlichen Informationen strukturiert und anschaulich darzustellen.

Visualisiert wurde hier ein sog. Rechtsmodell. Welche Inhalte im Recht sind sonst in Schaubildform visualisieren lassen und für welche rechtliche Struktur sich welcher Schaubildtyp eignet, lesen Sie im Beitrag Visualisierbare rechtliche Inhalte und Schaubildtypen.

Was juristische Schaubilder können

Schaubilder sind nicht die einzige Möglichkeit der Rechtsvisualisierung, aber eine sehr wichtige, weil im Recht die Verknüpfung von Informationen, die Strukturen und logischen Zusammenhänge eine große Rolle spielen und Schaubilder besonders geeignet sind, diese sichtbar zu machen. Doch das ist nicht ihre einzige Stärke. Sie bieten außerdem Informationen im Überblick, helfen bei der Orientierung im Thema und konzentrieren sich auf Wesentliches. Details haben in einem Schaubild nichts zu suchen bzw. sollten mit Bedacht ausgewählt werden, denn zu viele Details führen leicht dazu, dass das Schaubild überladen wirkt. Das wiederum führt dann dazu, dass es seiner Aufgabe nicht mehr gerecht wird, Überblick und Orientierung zu bieten. Stattdessen überfordert und verwirrt es seine Betrachter(innen).

Stärken juristischer Schaubilder
Stärken juristischer Schaubilder

Vorteile juristischer Schaubilder

Aus den Stärken juristischer Schaubilder ergibt sich einer ihrer wesentlichen Vorteile: Sichtbare Strukturen und Zusammenhänge, Überblick und Konzentration auf Wesentliches tragen wesentlich zum Verständnis der Inhalte bei und erleichtern den Adressat(inn)en die Orientierung im Thema. Zudem kann man die Strukturen relativ schnell aufnehmen und merkt sie sich besser. In den üblichen juristischen Textwüsten sind Schaubilder schließlich Blickfänger, die dazu einladen, sich nicht nur mit ihnen, sondern auch mit dem beigefügten Text zu befassen.

Die wichtigsten Vorteile juristischer Schaubilder
Die wichtigsten Vorteile juristischer Schaubilder

Über weitere Vorteile informiert der Beitrag 7 Gründe für den Einsatz juristischer Schaubilder.

Warum es nicht ohne Text geht

So nützlich juristische Schaubilder sind: Sie können und sollen weder Texte noch mündliche Vorträge ersetzen. Auch kommen sie selbst nicht ohne Text aus. Zum einen ist das Recht so abstrakt und komplex, dass man ihm nur mit Sprache gerecht werden kann, zum anderen vermitteln Schaubilder immer nur Grundstrukturen eines Inhalts. Um den Inhalt im Ganzen zu durchdringen, werden auch Details, Erklärungen, Hintergründe, Argumente und Beispiele benötigt. Zudem ist es wichtig, nicht nur die Regeln zu kennen, sondern man sollte auch wissen, dass es Ausnahmen gibt. All das zu vermitteln ist weder Aufgabe von Schaubildern noch bieten sie dafür Raum. Dies ist die Aufgabe und Stärke von Texten.

Stärken juristischer Informationstexte
Stärken juristischer Informationstexte

Text und Schaubild kombinieren

Gerade weil Text und Schaubild als Medien ihre Stärken haben, ist es für die Vermittlung von Rechtsinformationen ideal, sie zu kombinieren, also Text oder mündlichen Vortrag durch Schaubilder zu ergänzen. Natürlich kommt es dabei zu inhaltlichen Überschneidungen, gerade das ist aber für die Adressat(inn)en von Vorteil. Das Schaubild hilft ihnen nämlich, die im Text oder Vortrag erklärten Strukturen zu verstehen, und die Ausführungen erläutern ihnen das Schaubild und ergänzen es durch weitere Informationen.

Stärken von Texten und Schaubildern kombinieren
Stärken von Texten und Schaubildern kombinieren

Auch Sie als Informationsvermittler(in) profitieren von der verbalen und visuellen Aufbereitung Ihres Themas. Sie betrachten dieses nämlich aus zwei unterschiedlichen Perspektiven. Die verbale Perspektive kennen Sie. Sie zwingt Sie dazu, nach treffenden Formulierungen zu suchen. Die visuelle Perspektive richtet Ihren Blick dagegen auf die anschauliche Vermittlung der Strukturen und Zusammenhänge Ihres Themas. Sie müssen sich auf Wesentliches konzentrieren und Ihren Adressat(inn)en Orientierung bieten. Beide Perspektiven zusammen sind für die Informationsvermittlung optimal, weil Sie auf der einen Seite als Fachfrau oder -mann in Ihr Thema eintauchen und es auf der anderen Seite aus der Distanz betrachten. Dies bewahrt Sie davor, sich zu verzetteln und Ihre Adressat(inn)en während Ihrer Ausführungen abzuhängen, weil sie die Orientierung verloren oder einen Zusammenhang nicht verstanden haben.

Die visuelle Perspektive kann zudem als Kontrolle dienen, ob der Text klar genug formuliert ist. Dies kann ich aus eigener Erfahrung berichten. Wenn ich Schaubilder im Auftrag erstelle, erhalte ich die nötigen Informationen in der Regel in Textform. Häufig sind es Texte, die später zusammen mit dem Schaubild veröffentlicht werden sollen. Da mir die Themen meist nicht näher bekannt sind, bin ich damit letztlich in einer ähnlichen Situation wie die Zielgruppen der Texte: Ich muss nämlich auf der Grundlage des Textes verstehen, um was es geht, und wie sich Strukturen und Zusammenhänge darstellen. Dabei stelle ich immer wieder fest, dass die gelieferten Texte dies nicht abschließend klären, sei es, weil ein Zusammenhang nicht klar ist oder Informationen fehlen. Die strukturierte Darbietung des Inhalts ist also nicht in vollem Umfang gelungen. Allein dadurch, dass ich den Text mit der Visualisierungsbrille lese, also besonders auf die inhaltlichen Strukturen achte, fallen Schwachstellen im Text auf, die dann entsprechend optimiert werden können. Ihnen wird es vermutlich genauso gehen, wenn Sie Ihr Thema visualisieren. Entscheidend ist nämlich die andere Perspektive, die man beim Visualisieren einnimmt.

Umgekehrt können Schaubilder helfen, einen gut strukturierten Text zum Thema zu schreiben, weil man beim Schreiben die Grundstrukturen vor Augen hat und auf dieser Grundlage den Text gliedern und den Inhalt erklären kann.


Nicola Pridik
Über die Autorin
Nicola Pridik ist Juristin und Inhaberin des Büros für klare Rechtskommunikation in Berlin. Mit ihren Dienstleistungen unterstützt sie ihre Kundinnen und Kunden dabei, Rechtsinformationen verständlich und anschaulich für ihre jeweiligen Zielgruppen aufzubereiten. Dabei steht die Visualisierung von Recht im Mittelpunkt. kontakt@npridik.de, Twitter: @nicolapridik, Xing: www.xing.com/profile/Nicola_Pridik


 

FAQ Juristische Schaubilder

Visualisierung rechtlicher Inhalte in Leichte-Sprache-Texten

3 Grundregeln für die Erstellung juristischer Schaubilder

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