Sie sind hier: npridik.de / Blog / Visualisierung rechtlicher Inhalte in Leichte-Sprache-Texten

Visualisierung rechtlicher Inhalte in Leichte-Sprache-Texten

Anfang Oktober 2018 ist bei Frank & Timme das „Handbuch Barrierefreie Kommunikation“ erschienen. Mit 41 Beiträgen aus Wissenschaft und Praxis stellt es den aktuellen Forschungs- bzw. Erkenntnisstand in der Verständlichkeitsforschung und den verschiedenen Bereichen der barrierefreien Kommunikation dar. Auch das Thema Rechtskommunikation kommt dabei zur Sprache. Ich bin mit einem Beitrag zur Visualisierung rechtlicher Inhalte in Leichte-Sprache-Texten vertreten. Nachfolgend möchte ich den Leser*innen des Buches die Schaubilder aus meinem Beitrag in farbiger Fassung zeigen und außerdem ein paar Hintergrundinformationen ergänzen. Alle anderen erfahren anhand der Beispiele, wie es aktuell um meine Idee steht, mithilfe der Rechtsvisualisierung Verständnisbarrieren im Recht so weit abzubauen, dass auch Leichte-Sprache-Leser*innen davon profitieren.

Der Beitrag wurde zuletzt Anfang Jan. 2021 bearbeitet.

Beitrag von Nicola Pridik im Handbuch Barrierefreie Kommunikation

Im Sommer 2017 habe ich mir hier im Blog erstmals in einem längeren Beitrag Gedanken zu der Frage gemacht, inwiefern es möglich ist, juristische Schaubilder in Leichter Sprache zu erstellen (siehe Beitrag Jurististische Schaubilder in Leichter Sprache). Damals lagen gerade die ersten Schaubildbeispiele vor und ich war sehr glücklich über die Erkenntnis, dass Schaubilder in Leichter Sprache überhaupt möglich sind, hatte aber immer noch zahlreiche Fragen. Diese Fragen stehen letztlich immer noch unbeantwortet im Raum. Trotzdem habe ich das Gefühl, mit dem Handbuchbeitrag wieder einen Schritt weitergekommen zu sein. Zum einen zwang er mich dazu, mich nochmal etwas systematischer und in einem wissenschaftlichen Kontext damit auseinanderzusetzen, welche Voraussetzungen ein juristisches Schaubild erfüllen muss, das auch von Leichte-Sprache-Leser*innen verstanden werden soll. Zum anderen ist meine Idee, juristische Schaubilder auch im Leichte-Sprache-Kontext einzusetzen, nun gewissermaßen „amtlich“, denn ein wissenschaftliches Buch ist eben doch etwas anderes als die Veröffentlichung im eigenen Blog.

Maaß, Christiane / Rink, Isabel (Hg.)

Handbuch Barrierefreie Kommunikation

800 Seiten / 49,80 Euro
Frank & Timme, Berlin 2018

Inhaltsverzeichnis, weitere Informationen und Bestellung (Link zur Verlagsseite)

Nachtrag Jan. 2021: Inzwischen steht das Buch kostenlos als E-Paper zur Verfügung.

Für alle, die das Buch (noch) nicht in Händen halten, veröffentliche ich hier mit Einverständnis des Verlages die Einleitung meines Beitrags, um sie hoffentlich neugierig zu machen:

Visualisierung rechtlicher Inhalte in Leichte-Sprache-Texten

Juristisches Wissen wird seit jeher über das gesprochene oder geschriebene Wort vermittelt (Röhl/Ulbrich 2007: 12). Zu tun hat das vor allem damit, dass die verbale Sprache mit ihrer Fähigkeit zur Präzision, Klarheit, Eindeutigkeit und Argumentation der abstrakten und zugleich komplexen Materie am besten gerecht wird (vgl. Bergmans 2009: 4 f.). Geht es allerdings darum, rechtliche Strukturen zu kommunizieren, über die sich die Inhalte häufig erst erschließen, stoßen selbst die besten Texte und Vorträge an ihre Grenze. Sie können die Strukturen nämlich nicht zeigen, sondern nur linear beschreiben (ebd.: 7). In der Rechtsdidaktik wird deshalb der ergänzende Einsatz juristischer Schau- bzw. Strukturbilder empfohlen (ebd.: 23, Eickelberg 2017: Rn. 262 ff., Kostorz 2016: 70 f.).

Auch Leichte-Sprache-Texte mit rechtlichen Inhalten kommen bei der Darstellung von Strukturen an ihre Grenze. Es liegt deshalb nahe, hier auf vergleichbare Visualisierungen zu setzen. Zu bedenken ist dabei allerdings, dass juristische Schaubilder nicht nur das Verstehen erleichtern, sondern auch besondere Anforderungen an ihre Adressat(inn)en stellen. So müssen diese z. B. in der Lage sein, räumliche Anordnungen und Verbindungen von Textkästen in konzeptuelle Zusammenhänge zu übersetzen (vgl. Ballstaedt 2012: 51), eine nicht lineare Leserichtung zu erkennen und die Bedeutung von Piktogrammen/Icons im jeweiligen Kontext zu erfassen. Für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen bzw. Lernschwierigkeiten können dies Barrieren sein, welche die Aufnahme der Informationen erschweren. Der vorliegende Beitrag geht deshalb der Frage nach, welche Anforderungen juristische Schaubilder erfüllen müssen, um für einen möglichst großen Personenkreis, der die Zielgruppen der Leichten Sprache einschließt, verständlich zu sein. Ergänzt werden die Ausführungen durch drei Schaubilder, die beispielhaft zeigen, wie eine Umsetzung in der Praxis aussehen könnte.

(Nicola Pridik, Visualisierung rechtlicher Inhalte in Leichte-Sprache-Texten, in: Handbuch Barrierefreie Kommunikation, S. 487)

Schaubilder im Handbuch Barrierefreie Kommunikation

Zu den erwähnten Schaubildbeispielen gibt es nachfolgend noch ein paar Hintergrundinformationen, vor allem aber möchte ich sie in farbiger Fassung zeigen, was im Buch leider nicht möglich war.

Schaubild zur Vorsorgevollmacht und rechtlichen Betreuung

Das erste Schaubild soll vermitteln, was eine Vorsorgevollmacht ist und was eine rechtliche Betreuung. Dabei geht es insbesondere darum, auf die Unterschiede aufmerksam zu machen. Außerdem erfährt die betrachtende Person, was eine Betreuungsverfügung ist und in welchem Zusammenhang diese zur rechtlichen Betreuung steht. Das Schaubild begleitet mich nun schon 1,5 Jahre. Immer wieder habe ich es überarbeitet, sodass auch auf meiner Website mittlerweile verschiedene Fassung zu finden sind. Die aktuellste ist jedenfalls die im Handbuch Barrierefreie Kommunikation:

Unbefriedigend ist nach wie vor in der bildlichen Darstellung, dass der Kasus beim Bevollmächtigen nicht stimmt, wenn man den Text darunter liest („Sie bestimmen Bevollmächtigter“). Außerdem bleibt wie so oft das Problem, wie man ein Schaubild verständlich und trotzdem gendergerecht gestaltet.

Zum Schaubild inspiriert hat mich die Leichte-Sprache-Broschüre zur Vorsorgevollmacht des Niedersächsischen Justizministeriums, die überhaupt keine Bilder enthält. Die Broschüre steht auf der Website des Ministeriums als PDF-Datei zum Download zur Verfügung: zum Pilotprojekt Leichte Sprache (mit Downloadlink). Ich wollte ausprobieren, was visuell trotz der abstrakten Inhalte möglich ist. Zum anderen ist mein Eindruck, dass es entweder Broschüren zur rechtlichen Betreuung ODER zur Vorsorgevollmacht gibt, der direkte Vergleich beider Begriffe aber eher nicht vermittelt wird, obwohl er wesentlich zum Verständnis beiträgt.

Schaubild zur Erbfolge

Zum Gegenstand und zur Entstehung dieses Schaubildes habe ich bereits einen langen Beitrag geschrieben, auf den ich an dieser Stelle verweisen möchte (Schaubild zur Erbfolge in Leichter Sprache).

Schaubild zum Ablauf der Hauptverhandlung im Strafprozess

Das dritte Schaubild vermittelt, wie eine Hauptverhandlung im Strafprozess abläuft, was also vor Gericht passiert. Entstanden ist das Schaubild ursprünglich im Auftrag des Leichte-Sprache-Büros der Lebenshilfe Braunschweig, die es zu Schulungszwecken einsetzen will. Ich habe für diese Publikation nur die Farbe geändert.

Im ersten Entwurf des Schaubildes waren die mittlere und rechte Spalte noch umgekehrt angeordnet. Der Ablauf wurde also mehr oder weniger fachsprachlich beschrieben und jede Station zusätzlich in Leichter Sprache erläutert. Aus der Prüfgruppe erhielt ich dann aber das Feedback, dass es besser sei, den Ablauf selbst in Leichter Sprache zu vermitteln. Daher steht die Leichte-Sprache-Spalte nun in der Mitte. Es stand sogar die Idee im Raum, die Spalte mit den fachlichen Inhalten ganz zu streichen. Letzteres widerstrebte mir allerdings als Juristin. Zudem werden die Adressaten des Schaubildes ja in der Praxis (so sie denn mal in irgendeiner Form in ein Strafverfahren involviert sind) auch mit den Fachbegriffen konfrontiert sein. Außerdem sollte in einem Schulungszusammenhang auch die Möglichkeit bestehen, die Fachbegriffe kennenzulernen. Von daher einigten wir uns darauf, die fachsprachliche Spalte trotz der Zweifel beizubehalten, zumal diejenigen, die sich durch diese Spalte gestört und überfordert fühlen, sie auch zudecken können, ohne dass die Lesbarkeit des Schaubildes eingeschränkt wird.

Das Handbuch Barrierefreie Kommunikation wurde am 18. Oktober 2018 auf der gleichnamigen Fachtagung an der Uni Hildesheim offiziell vorgestellt. Meine Schaubilder waren dort als Poster ausgestellt.


Nicola Pridik

Nicola Pridik
Ich bin Juristin und Inhaberin des Büros für klare Rechtskommunikation in Berlin. Mit meinen Dienstleistungen unterstütze ich Sie dabei, Rechtsinformationen verständlich und anschaulich für Ihre Zielgruppe(n) aufzubereiten. Dabei steht die Visualisierung von Recht im Mittelpunkt. kontakt@npridik.de


Übersetzung juristischer Texte in Leichte Sprache – ein Interview

Juristische Schaubilder in Leichter Sprache

7 Dinge, die Sie über Leichte Sprache wissen sollten