Visualisierung rechtlicher Inhalte in Leichte-Sprache-Texten

Anfang Oktober ist bei Frank & Timme das „Handbuch Barrierefreie Kommunikation“ erschienen. Mit 41 Beiträgen aus Wissenschaft und Praxis stellt es den aktuellen Forschungs- bzw. Erkenntnisstand in der Verständlichkeitsforschung und den verschiedenen Bereichen der barrierefreien Kommunikation dar. Auch das Thema Rechtskommunikation kommt dabei zur Sprache. Ich bin mit einem Beitrag zur Visualisierung rechtlicher Inhalte in Leichte-Sprache-Texten vertreten. Nachfolgend möchte ich den Leser(inne)n des Buches die Schaubilder aus meinem Beitrag in farbiger Fassung zeigen und außerdem ein paar Hintergrundinformationen ergänzen. Alle anderen erfahren anhand der Beispiele, wie es aktuell um meine Idee steht, mithilfe der Rechtsvisualisierung Verständnisbarrieren im Recht so weit abzubauen, dass auch Leichte-Sprache-Leser(innen) davon profitieren.

Beitrag von Nicola Pridik im Handbuch Barrierefreie Kommunikation

Gut ein Jahr ist es her, seit ich mir hier im Blog erstmals in einem längeren Beitrag Gedanken zu der Frage gemacht habe, inwiefern es möglich ist, juristische Schaubilder in Leichter Sprache zu erstellen (siehe Beitrag Jurististische Schaubilder in Leichter Sprache). Damals lagen gerade die ersten Schaubildbeispiele vor und ich war sehr glücklich über die Erkenntnis, dass Schaubilder in Leichter Sprache überhaupt möglich sind, hatte aber immer noch zahlreiche Fragen. Diese Fragen stehen letztlich immer noch unbeantwortet im Raum. Trotzdem habe ich das Gefühl, mit dem Handbuchbeitrag wieder einen Schritt weitergekommen zu sein. Zum einen zwang er mich dazu, mich nochmal etwas systematischer und in einem wissenschaftlichen Kontext damit auseinanderzusetzen, welche Voraussetzungen ein juristisches Schaubild erfüllen muss, das auch von Leichte-Sprache-Leser(inne)n verstanden werden soll. Zum anderen ist meine Idee, juristische Schaubilder auch im Leichte-Sprache-Kontext einzusetzen, nun gewissermaßen „amtlich“, denn ein wissenschaftliches Buch ist eben doch etwas anderes als die Veröffentlichung im eigenen Blog. Für mich war es allerdings auch ein großer Kraftakt und sehr zeitaufwendig. Nun bin ich sehr gespannt, wie die Leser(innen) des Buches meine Idee finden. Vielleicht gibt es ja sogar „mutige“ Auftraggeber, die den Praxistest machen wollen. Bei meinen sonstigen Schaubildern hat es viele Jahre gedauert, bis sie sich etabliert haben, von daher bin ich darauf vorbereitet, dass es einige Geduld braucht.

Maaß, Christiane / Rink, Isabel (Hg.)

Handbuch Barrierefreie Kommunikation

800 Seiten / 49,80 Euro
Frank & Timme, Berlin 2018

Inhaltsverzeichnis, weitere Informationen und Bestellung (Link zur Verlagsseite)

Für alle, die das Buch (noch) nicht in Händen halten, veröffentliche ich hier mit Einverständnis des Verlages die Einleitung meines Beitrags, um sie hoffentlich neugierig zu machen:

Visualisierung rechtlicher Inhalte in Leichte-Sprache-Texten

Juristisches Wissen wird seit jeher über das gesprochene oder geschriebene Wort vermittelt (Röhl/Ulbrich 2007: 12). Zu tun hat das vor allem damit, dass die verbale Sprache mit ihrer Fähigkeit zur Präzision, Klarheit, Eindeutigkeit und Argumentation der abstrakten und zugleich komplexen Materie am besten gerecht wird (vgl. Bergmans 2009: 4 f.). Geht es allerdings darum, rechtliche Strukturen zu kommunizieren, über die sich die Inhalte häufig erst erschließen, stoßen selbst die besten Texte und Vorträge an ihre Grenze. Sie können die Strukturen nämlich nicht zeigen, sondern nur linear beschreiben (ebd.: 7). In der Rechtsdidaktik wird deshalb der ergänzende Einsatz juristischer Schau- bzw. Strukturbilder empfohlen (ebd.: 23, Eickelberg 2017: Rn. 262 ff., Kostorz 2016: 70 f.).

Auch Leichte-Sprache-Texte mit rechtlichen Inhalten kommen bei der Darstellung von Strukturen an ihre Grenze. Es liegt deshalb nahe, hier auf vergleichbare Visualisierungen zu setzen. Zu bedenken ist dabei allerdings, dass juristische Schaubilder nicht nur das Verstehen erleichtern, sondern auch besondere Anforderungen an ihre Adressat(inn)en stellen. So müssen diese z. B. in der Lage sein, räumliche Anordnungen und Verbindungen von Textkästen in konzeptuelle Zusammenhänge zu übersetzen (vgl. Ballstaedt 2012: 51), eine nicht lineare Leserichtung zu erkennen und die Bedeutung von Piktogrammen/Icons im jeweiligen Kontext zu erfassen. Für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen bzw. Lernschwierigkeiten können dies Barrieren sein, welche die Aufnahme der Informationen erschweren. Der vorliegende Beitrag geht deshalb der Frage nach, welche Anforderungen juristische Schaubilder erfüllen müssen, um für einen möglichst großen Personenkreis, der die Zielgruppen der Leichten Sprache einschließt, verständlich zu sein. Ergänzt werden die Ausführungen durch drei Schaubilder, die beispielhaft zeigen, wie eine Umsetzung in der Praxis aussehen könnte.

(Nicola Pridik, Visualisierung rechtlicher Inhalte in Leichte-Sprache-Texten, in: Handbuch Barrierefreie Kommunikation, S. 487)

Schaubilder im Handbuch Barrierefreie Kommunikation

Zu den erwähnten Schaubildbeispielen gibt es nachfolgend noch ein paar Hintergrundinformationen, vor allem aber möchte ich sie in farbiger Fassung zeigen, was im Buch leider nicht möglich war.

Schaubild zur Vorsorgevollmacht und rechtlichen Betreuung

Das erste Schaubild soll vermitteln, was eine Vorsorgevollmacht ist und was eine rechtliche Betreuung. Dabei geht es insbesondere darum, auf die Unterschiede aufmerksam zu machen. Außerdem erfährt der Betrachter, was eine Betreuungsverfügung ist und in welchem Zusammenhang diese zur rechtlichen Betreuung steht. Das Schaubild begleitet mich nun schon 1,5 Jahre. Immer wieder habe ich es überarbeitet, sodass auch auf meiner Website mittlerweile verschiedene Fassung zu finden sind. Die aktuellste ist jedenfalls die im Handbuch Barrierefreie Kommunikation. Sie ist unten in groß und farbig zu sehen. Die vorigen Varianten können Sie sich in dieser Bildergallerie anschauen:

Nachdem ich auf die erste Variante in der Gallerie das Feedback bekam, dass sie zu komplex und schwierig ist, hatte ich beide Spalten des Schaubildes in einem neuen Versuch mal auf zwei Schaubilder aufgeteilt, die jeweils für sich stehen, aber auch vergleichend nebeneinander gelegt werden konnten. Diese Lösung reduzierte zwar die Komplexität der Darstellung, mich störte aber stets, dass das, worauf es mir eigentlich ankam, nämlich der Vergleich von Vorsorgevollmacht und rechtlicher Betreuung, nicht mehr im Schaubild vorhanden war. Also habe ich noch mal bei der ursprünglichen Schaubildvariante angeknüpft. Die endgültige Version sieht nun so aus:

Inhaltlich hat sich in dieser Variante zunächst die Überschrift geändert. Es geht zwar nach wie vor um die Klärung der Begriffe Vorsorgevollmacht, rechtliche Betreuung und Betreuungsverfügung, die neue Überschrift spricht die Adressat(inn)en aber vermutlich eher an, weil sie an eine konkrete Situation anknüpft (Wenn Sie nicht mehr alles selbst entscheiden können) und nicht an drei Begriffe, die sehr abstrakt und fachsprachlich sind.

Außerdem ist die Frage der Kontrolle des Betreuers durch das Gericht nun Bestandteil der Definition der rechtlichen Betreuung. So wird – jedenfalls nach meinem Empfinden – noch stärker als in den anderen Varianten transportiert, dass die Vorsorgevollmacht auf Vertrauen basiert (und sich folglich die Frage der gerichtlichen Kontrolle nicht stellt), während der Betreuer vom Gericht bestellt und überwacht wird.

Unbefriedigend ist nach wie vor in der bildlichen Darstellung, dass der Kasus beim Bevollmächtigen nicht stimmt, wenn man den Text darunter liest („Sie bestimmen Bevollmächtigter“). Außerdem bleibt wie so oft das Problem, wie man ein Schaubild verständlich und trotzdem gendergerecht gestaltet.

Zum Schaubild inspiriert hat mich die Leichte-Sprache-Broschüre zur Vorsorgevollmacht des Niedersächsischen Justizministeriums, die überhaupt keine Bilder enthält. Die Broschüre steht auf der Website des Ministeriums als PDF-Datei zum Download zur Verfügung: zum Pilotprojekt Leichte Sprache (mit Downloadlink). Ich wollte ausprobieren, was visuell trotz der abstrakten Inhalte möglich ist. Zum anderen ist mein Eindruck, dass es entweder Broschüren zur rechtlichen Betreuung ODER zur Vorsorgevollmacht gibt, der direkte Vergleich beider Begriffe aber eher nicht vermittelt wird, obwohl er wesentlich zum Verständnis beiträgt.

Schaubild zur Erbfolge

Zum Gegenstand und zur Entstehung dieses Schaubildes habe ich bereits einen langen Beitrag geschrieben, auf den ich an dieser Stelle verweisen möchte (Schaubild zur Erbfolge in Leichter Sprache).

Schaubild zum Ablauf der Hauptverhandlung im Strafprozess

Das dritte Schaubild vermittelt, wie eine Hauptverhandlung im Strafprozess abläuft, was also vor Gericht passiert. Entstanden ist das Schaubild ursprünglich im Auftrag des Leichte-Sprache-Büros der Lebenshilfe Braunschweig, die es zu Schulungszwecken einsetzen will. Ich habe für diese Publikation nur die Farbe geändert.

Im ersten Entwurf des Schaubildes waren die mittlere und rechte Spalte noch umgekehrt angeordnet. Der Ablauf wurde also mehr oder weniger fachsprachlich beschrieben und jede Station zusätzlich in Leichter Sprache erläutert. Aus der Prüfgruppe erhielt ich dann aber das Feedback, dass es besser sei, den Ablauf selbst in Leichter Sprache zu vermitteln. Daher steht die Leichte-Sprache-Spalte nun in der Mitte. Es stand sogar die Idee im Raum, die Spalte mit den fachlichen Inhalten ganz zu streichen. Letzteres widerstrebte mir allerdings als Juristin. Zudem werden die Adressaten des Schaubildes ja in der Praxis (so sie denn mal in irgendeiner Form in ein Strafverfahren involviert sind) auch mit den Fachbegriffen konfrontiert sein. Außerdem sollte in einem Schulungszusammenhang auch die Möglichkeit bestehen, die Fachbegriffe kennenzulernen. Von daher einigten wir uns darauf, die fachsprachliche Spalte trotz der Zweifel beizubehalten, zumal diejenigen, die sich durch diese Spalte gestört und überfordert fühlen, sie auch zudecken können, ohne dass die Lesbarkeit des Schaubildes eingeschränkt wird.

Das Handbuch Barrierefreie Kommunikation wird übrigens am 18. Oktober auf der gleichnamigen Fachtagung an der Uni Hildesheim offiziell vorgestellt. Meine Schaubilder werden dort als Poster ausgestellt sein. Ich freu mich sehr!


Nicola Pridik
Über die Autorin
Nicola Pridik ist Juristin und Inhaberin des Büros für klare Rechtskommunikation in Berlin. Mit ihren Dienstleistungen unterstützt sie ihre Kundinnen und Kunden dabei, Rechtsinformationen verständlich und anschaulich für ihre jeweiligen Zielgruppen aufzubereiten. Dabei steht die Visualisierung von Recht im Mittelpunkt. kontakt@npridik.de, Twitter: @nicolapridik, Xing: www.xing.com/profile/Nicola_Pridik


 

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