„Wir wollen rechtliches Wissen für alle zugänglich machen“

Ausschnitt des Covers vom Legal Layman

Rechtliche Themen – verständlich für alle. Dieses Anliegen von Anna Murk begeisterte mich sofort. Vor einigen Wochen fragte mich die frisch in die Selbstständigkeit gestartete Wirtschaftsjuristin, ob ich Beispiele meiner Arbeit für ihre neue Online-Zeitschrift beisteuern würde. Und je mehr ich in den sozialen Medien von ihr las, desto mehr überzeugte sie mich auch als Person. Es war deshalb schnell klar: Sowohl die Zeitschrift als auch ihre Gründerin gehören in mein Blog. Mein herzlicher Dank geht an Anna Murk, dass wir meine Idee eines Interviews so schnell realisieren konnten.

Liebe Anna, in Kürze erscheint die erste Ausgabe des Legal Layman. Um was geht es in der Online-Zeitschrift? Und an wen richtet sie sich?

Legal Layman ist eine juristische Zeitschrift für Nichtjuristen, in der wir aktuelle Themen und komplexe Materien aus dem Rechtsbereich einfach und verständlich erklären wollen. Da uns die Juristerei alle auf irgendeine Art und Weise betrifft, finden wir es wichtig, auch einen entsprechenden Zugang für diejenigen zu schaffen, die keinen juristischen Bildungshintergrund haben. Dabei denken wir nicht nur an Verbraucher, sondern auch an Unternehmer. Die Zeitschrift richtet sich generell an alle, denen die rechtlich oberflächlichen Informationen in den Massenmedien nicht ausreichen, die aber auch keine juristische Fachzeitschrift kaufen würden.

Warum habt ihr euch für einen englischen Titel entschieden?

Tatsächlich hatte ich erst etwas im Kopf gehabt wie „Recht einfach“ oder so. Da diese ganzen „Recht XYZ“-Floskeln allerdings viel zu inflationär genutzt werden, war ich auf der Suche nach einem Titel, der einerseits ausdrückt, worum es geht, andererseits aber auch einprägsam, frisch und modern ist. Von der Blitzidee bis zum Namen Legal Layman vergingen dann gerade einmal 10 Minuten.

Du hast schnell mehrere Mitstreiter für das Projekt gefunden. Wer ist noch mit dabei?

„Schnell“ ist genau der richtige Ausdruck dafür!

Etwa 20 Minuten nach meiner Blitzidee war Justin Völkel (Wirtschaftsjurist) schon mit im Boot. Wir lernten uns als Kommilitonen beim Aufbaustudiengang Europäisches Recht in Würzburg kennen und ziehen seitdem an einem Strang. Justin ist wahnsinnig technikaffin, höchst zuverlässig, ein absolutes Organisationstalent und auf keinen Fall mehr aus Legal Layman wegzudenken.

Am selben Abend telefonierte ich dann mit Lina Krawietz, Co-Founder und Managing Partner von This is Legal Design, und erzählte ihr von meiner Idee. Lina ist eine absolute Powerfrau. Ich schätze sie nicht nur als innovative Juristin, sondern auch als Menschen enorm, weshalb mir ihre Meinung sehr wichtig war. Diese lautete: „Machen! Machen! Machen! Auf jeden Fall!“ Sie war also auch schon ab dem ersten Tag mit dabei.

Wenig später lernte ich dann noch Dr. Benedikt M. Quarch M. A. kennen, Co-Founder und Managing Director der RightNow Group. Benedikt ist für mich das Paradebeispiel eines fachlich brillanten Juristen, der nicht einen klassisch-typischen, sondern innovativen Berufsweg beschreitet. Auch er war sofort von meiner Idee begeistert und bot mir seine vollste Unterstützung für das Projekt an.

Hinter Legal Layman steht also nun ein junges Team aus Jurist(inn)en, die die Rechtsbranche innovativer und zukunftsfähiger gestalten möchten.

Was erwartet die Leser(innen) in der ersten Ausgabe?

Eine bunte Mischung aus Artikeln und Interviews zu allgemeinen und aktuellen Themen aus dem Rechtsbereich, die hier und da immer wieder durch „erfrischende“ Rubriken und viel Innovation aufgelockert werden.

In der Konzeption, die wir den potenziellen Autor(inn)en geschickt hatten, haben wir gewisse Rubriken sogar extra mit einem Smiley markiert und explizit erwähnt, dass hier auch Humor erlaubt ist! Muss man bei manchen Jurist(inn)en ja dazusagen …

Was den informativen Inhalt betrifft, möchte ich noch nicht allzu viel vorwegnehmen. Aber natürlich gab es in der letzten Zeit ein Thema, das so polarisiert hat, wie kaum ein anderes. Darüber klären wir in so mancher Hinsicht etwas genauer auf.

Cover Legal Layman - Die juristische Zeitschrift für NichtjuristenLegal Layman – Die juristische Zeitschrift für Nichtjuristen

Aktuelle Themen. Komplexe Materien. Einfach und verständlich erklärt.

Erscheinungstermin: 19. Oktober 2020 (nur online), vier Ausgaben pro Kalenderjahr, vorerst kostenlos

www.legallayman.de

 

Die Zeitschrift wird erst mal kostenlos im Internet angeboten und das, obwohl unfassbar viel Arbeit mehrerer Personen darin steckt. Erscheinen soll sie viermal im Jahr. Da drängt sich die Frage auf: Warum liegt euch das Projekt so am Herzen?

Danke für diese Frage! Erst einmal möchte ich für die gesamte Redaktion sprechen: Wir finden einfach, es wird Zeit, rechtliches Wissen für jeden zugänglich zu machen, um gerade im postfaktischen Zeitalter etwas Aufklärungsarbeit zu leisten und um der verstaubten Rechtsbranche neues Leben einzuhauchen, indem wir zeigen „Hey! Uns gibt’s. Wir sind hier. Und wir machen Dinge anders.“

Was meine persönliche Motivation angeht, könnte ich ganze Bücher füllen. Ich war schon immer jemand, der sich komplexe Zusammenhänge einfach und bildlich vorstellen musste, um sie selbst zu verstehen und flexibler mit ihnen arbeiten zu können. Ich dachte immer, das sei eine Schwäche von mir, bis es sich in der als trocken verrufenen Juristerei als eine meiner größten Stärken herausgestellt hat: Ich kann komplexe Materien einfach und bildlich erklären. Zudem war ich noch nie ein Fan von juristischer Fachsprache und möchte auch bewusst nahbar wirken. Ich entspreche also definitiv nicht dem klassisch-juristischen Stereotypen.

Anna Murk
Anna Murk

In meinen Seminaren und Schulungen erfahre ich aber genau deshalb immer wieder, wie viel rechtliches Know-how wir Jurist(inn)en doch voraussetzen und wie wenig wir tatsächlich voraussetzen dürften. Beispielsweise hielt ich mal ein Seminar über Arzthaftungsrecht für Mediziner(inn)en, die kurz vor ihrem zweiten Examen standen. Irgendwann wurde mir dabei die unfassbar gute Frage gestellt, wie man denn eigentlich Paragrafen liest und zitiert. Ich fragte daraufhin in die Runde, ob jemand die Antwort weiß, doch niemand meldete sich. Niemand. Das sind genau die Schockmomente, die man braucht, um in Zukunft bessere Arbeit leisten zu können. Und ich bin mir sicher, diese Frage wäre niemals gestellt worden, wenn ich schon von Anfang an zig Paragrafen in meiner Präsentation benutzt und das alles somit als selbstverständlich suggeriert hätte. Keiner outet sich ja bekanntlich gerne als vermeintlicher Volldepp.

Das war jedenfalls das Erlebnis, das mir immer noch jeden einzelnen Tag vor Augen führt, wie viel noch zu tun ist. Und alles dank einer einzigen Medizinerin, die den unglaublichen Mut hatte, solch eine Frage zu stellen, wovon am Ende noch ca. 25 weitere Personen profitieren konnten. Und wenn schon 25, warum dann nicht 250, 2.500 oder 25.000? Und warum sollten wir auch nur eine Frage beantworten und nicht gleich hunderte? Und warum erklären wir Dinge nicht einfach direkt, ohne dass überhaupt erst eine Frage gestellt werden muss? Ich bin überzeugt, dass man in der juristischen Allgemeinbildung wirklich noch sehr viel bewirken kann. Und ganz nebenbei hat das natürlich ein unglaubliches Innovationspotenzial: Je mehr Köpfe mitdenken, desto wahrscheinlicher ist es, dass Probleme auch gelöst werden.

Neben der Zeitschrift ist Compliance in Unternehmen für dich ein großes Thema. So kann man dich u. a. als externe Compliance-Beauftragte buchen. Auf den ersten Blick scheint diese Arbeit mit dem Zeitschriftenprojekt nicht viel zu tun zu haben. Oder etwa doch?

Und ob! Compliance bedeutet nichts anderes als „regelkonformes Verhalten“. Es geht also darum, die Theorie in die Praxis zu verwandeln – und alles, was dazwischen liegt, nennt sich Kommunikation. Und diese muss sich an derjenigen Zielgruppe ausrichten, die in Unternehmen am häufigsten mit der praktischen Umsetzung und Einhaltung von Vorschriften konfrontiert wird: nämlich Nichtjuristen. Genau hierauf liegt der Fokus bei meiner Arbeit. Aber wie kam es dazu?

Als ich damals noch in einem Unternehmen mit ca. 7.000 Mitarbeitern tätig war, wollte ich wissen, weshalb gewisse Regelungen nicht eingehalten werden. Also ging ich wochenlang durch die verschiedenen Abteilungen und befragte dort die unterschiedlichsten Personen und Berufsgruppen, wo denn die Probleme lägen und wie man sie lösen könnte. Was ich dann feststellte, schockierte mich regelrecht. Ich hatte angenommen, sie würden die theoretischen Vorschriften einfach als eine Art „Schwachsinn“ empfinden oder einfach nicht wissen, wie sie sie genau umsetzen sollen. Doch daran lag es keineswegs. Die häufigste Ursache für eine sog. Non-Compliance war, dass die Regelungen nie bei ihnen ankamen. Sie wussten also schlichtweg gar nichts von ihnen. Ich habe einen Teil der verschiedenen Gründe mal anhand eines Säulendiagramms visualisiert:

Warum Vorschriften nicht eingehalten werden - Grafik von Anna Murk

Ich kam schließlich zu dem Ergebnis, dass das größte Compliance-Risiko tatsächlich in der Kommunikation besteht und hier noch sehr (!) viel getan werden muss. Nicht ein einziges Mal konnte ich allerdings feststellen, dass sich die Angestellten wissentlich – oder gar absichtlich – nicht an die Vorschriften gehalten hatten. Daraufhin entwickelte ich dann mehrere Lösungskonzepte, auf die ich ohne die Interviews niemals gekommen wäre. Mittlerweile weiß ich, dass diese Art meines damaligen Vorgehens Design Thinking heißt. Das wusste ich damals allerdings noch gar nicht.

Mich ärgert es, dass Compliance heutzutage meist mit Korruption in Verbindung gebracht wird. Deswegen würde ich gerne das, was ich beruflich mache, als „anwenderorientierte Rechtsgestaltung“ (Legal Design) bezeichnen. Mein Fokus liegt weniger auf der puren Rechtstheorie, sondern darauf, wie man sie so kommunizieren kann, dass sie von den Betroffenen auch tatsächlich wahrgenommen, verstanden und auch (richtig) umgesetzt wird. Die schönste Unternehmensrichtlinie in einwandfreiem Juristendeutsch bringt letztendlich nichts, wenn sich keiner an sie hält bzw. an sie halten kann.

Und nichts anderes versuche ich mit Legal Layman zu bewirken – nur eben nicht in Unternehmen, sondern in der Bevölkerung: Man gestaltet und kommuniziert die Theorie so, dass sie genau dort ankommt, wo sie ankommen soll!

Angenommen, ich würde dich in fünf Jahren noch mal nach der Zeitschrift und deiner beruflichen Situation fragen. Was würdest du mir am liebsten erzählen?

Am liebsten würde ich dir erzählen, dass hinter Legal Layman nun ein 50-köpfiges Team steht, das unermüdlich dafür kämpft, die Juristerei verständlicher, nahbarer und moderner zu gestalten. Ich stelle mir immer vor, wie ich irgendwann einmal die Kommentarspalte unter einer skandalösen Berichterstattung öffne. Man liest hitzige Parolen und dazwischen mildert sie jemand ab, indem er etwas schreibt wie: „Letztens habe ich in Legal Layman gelesen, warum das so ist / warum das nicht so ist. Und zwar …“

Meine berufliche Situation sehe ich nicht getrennt von der Zeitschrift, sondern vielmehr als Symbiose. Hier würde ich dir gerne erzählen, dass ich mein Credo, komplexe Dinge einfach und bildlich zu erklären, in der Rechtsbranche salonfähig gemacht habe und juristische Fachkompetenz nicht mehr im Widerspruch zu einer anwenderorientierten Kommunikation steht, sondern sich gerade an ihr bemisst.

Anna Murk
Anna Murk

Wie und wo kann man mehr über dich und deine Arbeit erfahren, sich mit dir vernetzen und Kontakt zu dir aufnehmen?

Instagram: @annamurk.de und @legallayman

Website: www.annamurk.de und www.legallayman.de

LinkedIn und Facebook: Anna Murk und LEGAL LAYMAN

Gibt es noch etwas, das du unbedingt loswerden möchten?

Ja! Ich möchte mich von ganzem Herzen bei allen bedanken, die sich von Anfang an so für das Konzept von Legal Layman eingesetzt und mir ihr Vertrauen geschenkt haben. Damit meine ich nicht nur meine Mitstreiter in der Redaktion, sondern wirklich ALLE, die das „Risiko“ eingegangen sind und sich die Zeit dafür genommen haben, einen Beitrag zu einer Idee zu leisten, die bis dato noch nicht final umgesetzt wurde. Mit so viel Unterstützung hätte ich nie gerechnet. Ich weiß das wirklich zu schätzen. Diese Personen geben mir Hoffnung, dass wir gemeinsam enorm viel bewirken können.

Das Interview führte Nicola Pridik.

 

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