Rechtsvisualisierung in der Lehre: 4 Beispiele

Viel Lehrstoff in wenig Zeit vermitteln: Wie soll das gehen? Das fragen sich Lehrkräfte in der Jurist(inn)enausbildung schon lange. Die Studierenden wiederum leiden unter dem Druck, den gesamten Stoff aus vier Studienjahren im Examen parat haben zu müssen. Eine einfache Lösung für das Problem gibt es sicher nicht. Fest steht jedoch: Didaktische Reduktion ist nötig und mit ihr eine Konzentration auf rechtliche Strukturen und Zusammenhänge. Dabei hilft die Visualisierung von Recht, auch wenn sie für Jurist(inn)en ungewohnt ist. Während Texte Strukturen nur linear beschreiben können, machen Bilder sie sichtbar und prägen sich zudem besser ein. Doch wie sieht das Ganze praktisch aus? Antworten bietet der folgende Beitrag, in dem ich Ihnen anhand von vier Beispielen zeigen möchte, wie Bilder die Rechtslehre und den juristischen Lernprozess unterstützen können.

Überblick über den Lehrstoff: Advance Organizer

Ein Advance Organizer bietet zu Beginn einer Lerneinheit (in advance = im Voraus) einen strukturierten Überblick über den Lehrstoff. Die Lernenden erfahren nicht nur, welche Themen sie im Einzelnen erwarten, sondern haben außerdem vor Augen, in welcher Beziehung Inhalte zueinander stehen. So lernen sie, in Zusammenhängen zu denken und können neues Wissen besser ein- und zuordnen. Der Organizer knüpft außerdem nach Möglichkeit an vorhandenes Wissen der Lernenden an, indem er neuen Stoff zu bekanntem in Beziehung setzt. Er wird von der Lehrkraft mündlich erläutert und ist den Lernenden während des Lernprozesses ein ständiger Begleiter. Eingeführt und erforscht wurde die Organisationshilfe für Lernprozesse in den 1960er Jahren von dem US-Amerikaner David Ausubel.

Einen Überblick über das Thema Advance Organizer mit Quellen zur Vertiefung und Beispielen bietet der Methodenpool der Universität Köln, der von Prof. Dr. Kersten Reich herausgegeben wird.

Nachfolgend ein Advance Organizer für eine Vorlesung zur Bundesstaatlichkeit. Die Kopfzeile ordnet das Thema den fünf Strukturprinzipien unserer Verfassung zu. Im Zentrum steht das Verhältnis von Bund und Ländern, das ich mit zwei Kartengrafiken visualisiert habe. Die grünen Kästen benennen die Einzelthemen der Vorlesung. Nach meinem Eindruck eignet sich eine derartige Übersicht nicht nur zum erstmaligen Lernen, sondern auch zum Wiederholen des Stoffes. Wer die Inhalte verinnerlicht hat, müsste mithilfe der Übersicht einen kleinen Vortrag zur Bundesstaatlichkeit halten können, in dem alles Wichtige zur Sprache kommt.

Advance Organizer für eine Vorlesung zur Bundesstaatlichkeit

Visuelle Ergänzung des Vortrags: PowerPoint-Folien

Viele Lehrkräfte setzen in der Lehre PowerPoint-Folien ein. Das gilt auch für Jurist(inn)en. Nur leider überwiegen bei diesen eindeutig die Textfolien. Die Chance der Visualisierung von Inhalten bleibt ungenutzt, obwohl sie den mündlichen Vortrag wunderbar ergänzen und bereichern könnte. Lernende, die nicht nur hören, sondern auch sehen, worüber gesprochen wird, verstehen die Inhalte nämlich besser und können sie sich außerdem besser merken. Das Recht bietet mehr Ansätze zur Visualisierung, als Sie vielleicht meinen.

Sie können z. B. Sachverhalte aus Gerichtsurteilen ins Bild setzen. Dazu ein (etwas vereinfachtes) Beispiel aus dem Europarecht:

Auf dem Mailänder Hauptbahnhof wird die Italienerin Paola Faccini Dori von einem Vertreter der Firma X überredet, einen Vertrag über einen Fernlehrgang in Englisch abzuschließen. Kurze Zeit später bereut sie ihre Entscheidung und widerruft den Vertrag. Die Firma X entgegnet, das italienische Zivilgesetzbuch biete keine Möglichkeit, eine Willenserklärung nach Abschluss eines Vertrages ohne Vorliegen eines besonderen Grundes zu widerrufen. Der Vertrag bleibe daher bestehen. Frau Faccini Dori beruft sich daraufhin auf eine EU-Richtlinie, welche die Möglichkeit des Widerrufs bietet. Zu Recht?

Und hier die PowerPoint-Folie zu der Entscheidung:

EuGH-Urteil Faccini Dori

Darüber hinaus bieten PowerPoint-Folien Raum für einfache Schaubilder, die Strukturen visualisieren. Hier z. B. eine einfache Gegenüberstellung zur Klärung der Begriffe echte und unechte Urkunde, die für das Verständnis der Urkundenstraftaten essentiell ist. Die Visualisierung trägt jedoch nicht nur zum Verständnis bei. Sie vermittelt den Lernenden außerdem, dass die Unterscheidung wichtig ist, denn sonst hätte man sie nicht visualisiert.

Echte und unechte Urkunde im Vergleich

Wenn Sie Mühe haben, sich von Ihren Textfolien zu lösen, schauen Sie am besten mal in den Artikel Juristische Vorträge mit Präsentation, aber ohne Textfolien – so gelingt‘s. Vielleicht zerbrechen Sie sich auch den Kopf, wie Sie aus Ihren Folien ein gutes Handout zaubern können. Dann könnte Sie dieser Beitrag interessieren: So erstellen Sie aus Ihren kommentierten PowerPoint-Folien ein Handout.

Zum Lernen und Wiederholen: Schaubilder

Juristische Schaubilder kombinieren Text, Formen und Bilder mit dem Ziel, rechtliche Informationen strukturiert und anschaulich darzustellen. Sie konzentrieren sich dabei auf das Wesentliche und sind deshalb besonders gut geeignet, Grundstrukturen des Rechts verständlich zu vermitteln. Visualisieren lassen sich insbesondere Zeitabfolgen, Verfahrensabläufe, Prüfungsschemata, Systematiken, Personenkonstellationen, Rechtsmodelle und Organisationsstrukturen. Näheres erfahren Sie im FAQ Juristische Schaubilder.

Einfache Schaubilder können Sie auf einer PowerPoint-Folie platzieren, um sie in der Lehrveranstaltung an die Wand zu werfen. Komplexere Schaubilder sollten Sie dagegen zum Download anbieten oder als Ausdruck verteilen. Für Lernende ohne Vorkenntnisse sind juristische Schaubilder in der Regel nicht selbsterklärend, erleichtern aber das Verstehen, wenn sie mit einem Text oder Vortrag kombiniert werden. Wer sich mit dem visualisierten Thema bereits beschäftigt hat, kann den Stoff anhand eines Schaubildes schnell wiederholen.

Hier ein Schaubild-Beispiel aus dem Strafprozessrecht:

Reguläres Strafverfahren und Strafbefehlsverfahren im Vergleich

Kreatives Lernen mit Stift und Papier: Sketchnotes

Junge Menschen fliegen derzeit auf Sketchnotes. Die sozialen Medien sind voll davon. In Zeiten der Digitalisierung ist das Handgemachte plötzlich wieder populär – ein Trend, der mir sehr gefällt und der auch das Jurastudium bereichern könnte.

„Sketchnotes sind visuelle Notizen, die aus einer Mischung aus Handschrift, Zeichnungen, handgezeichneter Typografie, Formen und grafischen Elementen wie Pfeilen, Kästen und Linien bestehen.“ (Mike Rohde)

Ursprünglich ging es nur darum, die üblichen Mitschriften von Vorträgen und Besprechungen durch visuelle Aufzeichnungen (die durchaus auch einigen Text enthalten können) zu ersetzen, um die eigene Konzentration zu fördern, nur Wesentliches zu notieren und für sich selbst eine Gedächtnisstütze zu schaffen. Tatsächlich ist der Anwendungsbereich von Sketchnotes aber sehr viel größer, denn sie helfen auch in allen möglichen anderen Situationen dabei, Informationen zu verarbeiten und weiterzugeben, Ideen zu entwickeln und Gedanken zu sortieren. Zu tun hat das damit, dass die Kombination von Sprache und Bildern beide Gehirnhälften anspricht und zudem Verstand und Hand zur Zusammenarbeit aufgefordert sind.

Jurastudierende können gleich in zweifacher Hinsicht von Sketchnotes profitieren:

  • Zum einen besteht die Möglichkeit, sich selbst in der Anfertigung visueller Notizen zu üben. Dabei geht es zwar auch, aber nicht vordergründig um ein Zeichentraining. Es geht vielmehr darum, Wesentliches aus einem Vortrag oder einem Text herauszufiltern und in ein Bild zu übersetzen und damit das eigene Verständnis der Inhalte zu verbessern.
  • Wer nicht selbst aktiv werden möchte, findet in Sketchnotes eine Grundlage zum Lernen und Wiederholen des Stoffes, die sich ebenso wie juristische Schaubilder auf Wesentliches konzentriert und Strukturen visualisiert. Wer Handgezeichnetes mag, wird zusätzlich zum Lernen motiviert, weil es Spaß macht, Sketchnotes anzuschauen.

Die folgende Sketchnote übersetzt § 142 StGB, der das unerlaubte Entfernen vom Unfallort regelt, in ein Bild. Die Darstellung hilft, die Struktur der Vorschrift zu verstehen. Außerdem rückt sie vorab den Schutzzweck der Norm in den Fokus, ohne dessen Kenntnis die Bedeutung der Vorschrift nicht zu erfassen ist.

Sketchnote zur Unfallflucht, § 142 StGB

Wenn Sie an weiteren Beispielen interessiert sind, werfen Sie am besten mal einen Blick auf die Arbeitsproben/Sketchnotes. Beachten Sie auch meine Zeichentipps für Juristen.


Nicola Pridik
Über die Autorin
Nicola Pridik ist Juristin und Inhaberin des Büros für klare Rechtskommunikation in Berlin. Mit ihren Dienstleistungen unterstützt sie ihre Kundinnen und Kunden dabei, Rechtsinformationen verständlich und anschaulich für ihre jeweiligen Zielgruppen aufzubereiten. Dabei steht die Visualisierung von Recht im Mittelpunkt. kontakt@npridik.de, Twitter: @nicolapridik, Xing: www.xing.com/profile/Nicola_Pridik


 

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