Wie Sie Ihr Wissen strukturiert vermitteln

Zeichnung: Yvo Wüest

Anderen Menschen umfangreiche und komplexe Lerninhalte in kurzer Zeit zu vermitteln, ist für Lehrende ein große Herausforderung. Didaktische Reduktion ist hier gefragt. Doch was heißt das eigentlich? Und vor allem: Wie macht man es? Antworten bietet Yvo Wüest in einem erhellenden Buch zum Thema. Ich freue mich sehr, dass er als Gastautor in meinem Blog einen kleinen Einblick in den Teilaspekt des Strukturdenkens gibt.

Ein Gastbeitrag von Yvo Wüest

Erfahrene Lehrpersonen und Trainer sind von drei Dingen überzeugt:

  • Strukturiert lernt es sich besser.
  • Wissen in geordneter Form wird besser verstanden und behalten.
  • Im Zeitalter von Smartphones, Online-Learning und Apps muss die Rhetorik einfacher, direkter und emotionaler sein.

Dieser Beitrag widmet sich den ersten beiden Punkten, die sich mit dem Strukturdenken befassen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten und Ansätze, wie Sie mit der strukturierten Aufbereitung von Inhalten und der geordneten Vermittlung von Wissen in die Köpfe der vernetzten und beschleunigten neuen Generation gelangen können. Zwei davon möchte ich im Folgenden vorstellen.

Inhalte strukturiert vortragen

Sie kennen sicher die klassische Unterteilung einer Rede in Einleitung, Hauptteil und Schlussteil. Während die Einleitung die Zuhörenden begrüßt und ihre Aufmerksamkeit gewinnen will; oft auch eine erste Übersicht vermittelt; zeigt der Hauptteil Unteraspekte und Gedankengänge auf, erzählt und argumentiert. Im Schlussteil fassen wir zusammen, präsentieren erneut die Hauptaussage oder spitzen zu.

Das Ende einer Rede oder Präsentation ist sehr wichtig; wir gestalten es mit grösster Sorgfalt. Denn der Schluss bleibt am ehesten in Erinnerung.

Diese Standard-Gliederung können wir leicht ausbauen und differenzieren. Je nach Zielgruppe, Ziel und Zeitbudget. Bildhaft gesprochen stellt die Struktur einer Rede oder Präsentation den Weg dar, den eine Sprecherin oder ein Sprecher gedanklich geht. Das Publikum folgt Ihnen leichter, wenn dieser Weg interessant, übersichtlich und in der Abfolge der Schritte spannend ist.

Hilfreich sind sogenannte „Strukturhilfen“. Sie unterstützen Ausbildende, inhaltliche Komplexität mit Blick auf die Aufnahmefähigkeit der Teilnehmenden zu reduzieren. Dazu gehört zum Beispiel der Einsatz der „magischen Zahl 3“. Sie ist in der Rhetorik sehr beliebt und eignet sich besonders für die freie Rede. Vortragenden hilft sie bei der Formulierung, Zuhörenden beim Verstehen.

Strukturdenken - magische Zahl - Zeichnung von Yvo Wüest

Drei Wege führen Sie ans Ziel eines gut strukturierten Vortrags:

1  Von der Hauptaussage ausgehen

Einleitung Einstieg
Hauptaussage
Hauptteil Teilaspekte
Begründung(en)
Beispiel(e)
Schluss Wiederholung Hauptaussage

In dieser Redestruktur nennen wir die Hauptaussage, unsere Kernbotschaft, gleich zu Beginn. Am Schluss wiederholen wir die Aussage. Indem das Ende auf den Beginn verweist, wirkt unser Referat abgerundet und in sich abgeschlossen. Hände weg von „Tatort-Strukturen“, bei denen Sie wie in einem Krimi erst am Schluss das „Warum und Wieso“ erläutern.

2  Zur Hauptaussage hinführen

Einleitung Einstieg
Um was geht es hier?
Hauptteil Teilaspekt 1 mit Begründungen und Beispielen
Teilaspekt 2 mit Begründungen und Beispielen
Teilaspekt 3 mit Begründungen und Beispielen
Schluss Wiederholung Hauptaussage

Diese Struktur startet mit der Schilderung eines Sachverhaltes. Später führt sie die Zuhörenden Schritt für Schritt zu einer bestimmten Sichtweise, Schlussfolgerung oder einem verblüffenden Resultat.

3  Den Mittelteil strukturieren

Bei längeren Vorträgen nutzen wir die praktische Einteilung in Einleitung, Hauptteil und Schluss und modifizieren sie für die einzelnen Abschnitte oder Kapitel des Referates.

Einleitung
Hauptteil
Kapitel 1 Einleitung
Hauptteil
Schluss
Kapitel 2 Einleitung
Hauptteil
Schluss
Kapitel 3 Einleitung
Hauptteil
Schluss
Schluss

Wer sich länger und konzentriert mit einem Thema auseinandersetzt, sieht die darin enthaltenen Beziehungen. Er erkennt ihre innere Abfolge und übergreifenden Zusammenhänge. Als Lehrende oder Trainer sind Sie prädestiniert, den Lernenden solche Zusammenhänge aufzuzeigen. Dies gelingt Ihnen, indem Sie Ihrem Publikum treffende Oberbegriffe, Unterbegriffe, Kategorien und Verhältnismässigkeiten für die Bewältigung komplexer Informationen bereitstellen.

Aus der Lernforschung ist bekannt, dass Lernende selber generierte Verknüpfungen besser abrufen können als solche, die von Lehrpersonen vorgegeben wurden. Wer den Lernstoff selber „durchdekliniert“ hat, erkennt Verbindungen zwischen unterschiedlichen Perspektiven, beispielsweise zwischen Theorie und Praxis oder zwischen Abstraktion und konkretem Fall. Geordnet dargebotenes Lernmaterial ist insofern für Lernende ein Geschenk, denn es befähigt sie dazu, bekannte Wahrnehmungsmuster ab sofort auch auf neue Sachverhalte anzuwenden. Lernende, die sich erfolgreich bestimmte Strukturen und die damit einhergehende Differenzierung des Wissens angeeignet haben, können sich leichter in neuen, ähnlich gelagerten Situationen bewegen. Lernende haben damit über die Strukturbetrachtung einen Sachverhalt oder ein „Modell“ als ein spezifisches Beispiel oder den Prototyp eines allgemeinen Falles begriffen und abgespeichert.

Buchcover Reduziert gewinnt! - Ivo Wüest

Yvo Wüest

Reduziert gewinnt?
Didaktische Reduktion für Trainer, Ausbildende und Lehrpersonen

1. Auflage 2015

hep verlag ag, Bern

 

Mit Strukturschemata Zusammenhänge aufzeigen

In einem Lernprozess liefern Strukturen in erster Linie Übersicht und Orientierung. Zusätzlich dienen sie Lernenden als Merk- und Rekonstruktionshilfe für den gelernten Stoff. Differenzieren wir Strukturen nach ihrem Grad der Komplexität, können wir festhalten:

  • komplexe Strukturen liefern eher Übersicht und Orientierung
  • reduzierte Strukturen dienen vor allem dem Speichern und einfacheren Rekonstruieren von Gelerntem

Wenn Lehrkräfte im Unterricht Strukturschemata einsetzen – die sich grundsätzlich in allen Fächern und Disziplinen anbieten –, beispielsweise eingängige und erhellende Schaubilder und Graphiken, bilden sie damit die inhaltliche Logik des Themas ab. Dies gelingt ihnen, indem sie kategoriale Ordnungen, aber auch Abläufe oder Zusammenhänge aufzeigen. Jérôme Bruner, ein Lerntheoretiker, drückte dies so aus: „Die Struktur lernen, heisst lernen, wie die Dinge aufeinander bezogen sind.“

Mit Strukturschemata können Lernende die Zusammenhänge zwischen einzelnen Wissenselementen leichter erkennen. Zudem gelingt es ihnen besser, das neu zu erwerbende Wissen in ihr Vorwissen zu integrieren, indem sie verschiedene Wissensbausteine miteinander verknüpfen. Damit erfüllen Strukturhilfen die alte Forderung, das neuer Stoff „anschlussfähig“ sein muss, damit ihn die Lernenden aufnehmen können.

Sie haben es bereits bemerkt: Dieser Beitrag ist ein Plädoyer für vernetztes Denken. Doch eigentlich handelt es sich dabei um eine biologische Selbstverständlichkeit: Wir können alles Lernen als neuronal vernetztes Geschehen auffassen. Unser Gehirn denkt und arbeitet immer vernetzt. Andererseits kann das Gehirn nur vernetzten, was in seinen Erfahrungshorizont gerät. Und Lehrkräfte und Trainer müssen entsprechende Lernaktivitäten anbieten und Fragen aufwerfen, die Denk- und Suchbewegungen auslösen. Oder Schemata zeichnen und einsetzen, die den Lernenden den Sachverhalt näher bringen.

Beispiele für anregende Fragen:

  • Wie hängen die Dinge zusammen?
  • Wovon ist etwas beeinflusst?
  • Was folgern Sie daraus?
  • Geht es um Koinzidenz (Gleichzeitigkeit zweier Ereignisse) oder um Interdependenz (gegenseitige Abhängigkeit)?
  • Geht es um Korrelation (Wechselbeziehung oder mathematisch fassbarer Zusammenhang zwischen Ereignissen oder Faktoren) oder um Kausalität (damit meine ich: das im Westen verbreitete Denken in Ursache-Wirkung-Zusammenhängen)?

Foto Buchcover: Gabor Fekete


Yvo WüestYvo Wüest, Studienleiter und Dozent an der aeB Schweiz – Akademie für Erwachsenenbildung sowie Autor des Fachbuches „Reduziert gewinnt! Didaktische Reduktion für Trainer, Ausbildende und Lehrpersonen“; schreibt auf www.didacticalreduction.com über sein Spezialgebiet und führt Trainings in der Schweiz, Deutschland und international durch.


 

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