Warum sich Twitter auch für Juristen lohnt

Eigentlich gehöre ich in Bezug auf soziale Netzwerke ja eher zu den Skeptikern. Ich habe zwar seit vielen Jahren ein Profil auf Xing, nach netzwerken hat sich meine Anwesenheit dort aber nie wirklich angefühlt. Mit anderen Plattformen tue ich mich dagegen schwer: Ich lehne sie ab, verstehe sie nicht, bin von der Technik genervt oder sie interessieren mich nicht. Und jetzt plötzlich ein Werbeartikel für Twitter? Nein, er wird nicht gesponsert, und es gibt auch keinen Ghostwriter. Ich habe trotz anfänglicher Vorbehalte tatsächlich selbst in den letzten Monaten richtig gute Erfahrungen mit Twitter gemacht und möchte diese gerne mit Ihnen teilen. Der Grund dafür ist simpel: Ich fänds toll, wenn es mehr twitternde Juristen gäbe. Das Ziel ist also, Sie mit meiner Begeisterung anzustecken. Sind Sie bereit? Los gehts!

Etwa ein halbes Jahr bin ich jetzt auf Twitter aktiv – noch nicht sehr lang, aber es reicht für die Erkenntnis, dass ich diesen Schritt eigentlich viel eher hätte gehen sollen. Auch wenn ich noch nicht alles durchschaue, fühle ich mich bereits heimisch und habe die Plattform fest in meinen Arbeitsalltag integriert – und zwar nur in meinen Arbeitsalltag. Von Anfang an war klar, dass ich meinen Account nur beruflich nutzen möchte. So twittere ich als Juristin und Inhaberin des Büros für klare Rechtskommunikation über (un)verständliches Recht und Rechtsvisualisierung. Außerdem gebe ich Juristen PowerPoint- und Zeichentipps.

Beruflich auf Twitter zu sein, heißt für mich allerdings nicht, dass Twittern keinen Spaß machen darf. Im Gegenteil. Ich liebe den lockeren Austausch mit Gleichgesinnten – übrigens auch in Form von kleinen Zeichnungen, mit denen wir uns wechselseitig Lust aufs Visualisieren und Zeichnen machen.

Twitter-Account von Nicola Pridik

Aus meinen Erfahrungen in den vergangenen Monaten formuliere ich im Folgenden Gründe, die Twitter vielleicht auch für Sie wertvoll macht. Ich schreibe bewusst „vielleicht“, denn ich kenne weder Ihre Ziele noch weiß ich, wen Sie erreichen wollen und wie Sie kommunizieren. Davon hängt eine Menge ab, so viel kann selbst ich als Social-Media-Laie sagen. Wenn Sie es ganz genau wissen wollen: Es gibt zahlreiche Dienstleister, die Ihnen helfen, die richtige Plattform für Ihr Unternehmen zu finden, sich in den sozialen Medien zu präsentieren und eine Kommunikationsstrategie zu entwickeln. Was ich aus meiner Erfahrung in Bezug auf Twitter sagen kann:

Twitter wird Ihnen beruflich nur etwas bringen, wenn Sie die Kommunikation auf der Plattform zu einem festen Bestandteil Ihres Alltags machen und gerne dort aktiv sind. Keinesfalls reicht es aus, sich nur anzumelden und ab und zu einen Tweet abzusetzen, um einer selbst auferlegten Pflicht nachzukommen.

Sie werden für andere sichtbar

Über Ihren Account und vor allem Ihre Kommunikation auf Twitter bekommen andere mit, was Sie machen und wer Sie sind. In welchem Ausmaß, ob beruflich und/oder privat, entscheiden Sie. Überlegen Sie sich also, was andere über Sie erfahren sollen.

Wie Sie an dem Screenshot oben sehen, präsentieren Sie sich auf Twitter nicht mit einem ausführlichen Profil, so wie Sie es vielleicht von Xing kennen. Ihre Selbstdarstellung beschränkt sich vielmehr auf ein großes und ein kleines Bild und eine vierzeilige Kurzinformationen zu Ihrer Person (unter dem kleinen Porträtfoto). Umso wichtiger ist es, dass Sie eine Website haben, auf die Sie für weitere Informationen verlinken können.

Wenn Sie das Twitter-Verhalten anderer beobachten, werden Sie feststellen, dass das Spektrum Ihrer Möglichkeiten der Selbstdarstellung über Tweets sehr groß ist. Vom fotografierten Mittagessen bis zu fachlichen oder politischen Statements ist alles dabei. So können Sie z. B. twittern, dass sie gerade auf Dienstreise sind, sich auf einen Vortrag vorbereiten oder zu einer Konferenz eingeladen wurden.

Dieser Einblick in Ihren Alltag geht Ihnen zu weit? Dann präsentieren Sie sich „nur“ als Experte Ihres Fachs. Sie haben eine Menge Ahnung vom Familienrecht? Dann twittern Sie kleine Informationshäppchen, die für Ihre Zielgruppe interessant sind, weisen auf neue Gerichtsentscheidungen hin, kommentieren neue Gesetzesvorhaben und teilen die Tweets, die andere zum Thema absetzen. Wenn Sie das längere Zeit machen, werden Sie in den Köpfen Ihrer Follower als Fachmann oder Fachfrau fürs Familienrecht abgespeichert. Ziel erreicht: Sie sind sichtbar!

Tweet: Nachricht mit maximal 140 Zeichen (seit Nov. 2017 sind es 280 Zeichen), die Sie über Twitter verschicken. Ein Tweet kann Links, Fotos und Videos enthalten.

Follower: Personen oder Unternehmen, welche die Tweets eines Twitter-Accounts abonniert haben.

Timeline: Echtzeit-Stream von Tweets. In der Timeline auf der Startseite Ihres Twitter-Accounts werden die Tweets aller Accounts angezeigt, denen Sie folgen.

Ich persönlich finde es ja ganz sympathisch, nicht nur den Experten zu sehen, sondern auch den Menschen dahinter. Neulich hatte ein Anwalt in einem Tweet einen Blogartikel verlinkt, in dem er einen Fall aus seiner Praxis schildert, der ihn auch nachts nicht zur Ruhe kommen lässt. Das hat mich sehr beeindruckt. Ein Anwalt, der sich bewusst als Mensch zeigt und nicht nur als Teil des Rechtssystems. Mutig! Den merk ich mir. Und vielleicht tun es auch andere. Um als Mensch sichtbar zu sein, reicht es aber auch schon, einfach mal mitzuteilen, was man denkt, was man lustig findet, was einen freut oder ärgert – sei es in Bezug auf den persönlichen Alltag oder die große Politik.

Das Schöne ist: Sie können sich auf Twitter auch mit vermeintlichen Kleinigkeiten aus Ihrem (Berufs-)Leben präsentieren. Auf Xing poste ich z. B. im Wesentlichen Blogartikel. Jedem Posting ist also viel Arbeit vorausgegangen. Auf Twitter kann ich dagegen auch kundtun, dass ich gerade auf einer Messe bin, eine tolles Buch erworben oder etwas Kurioses erlebt habe. Auch diese vielen kleinen Postings ergeben letztlich ein Bild von mir, sind aber bei Weitem nicht mit so viel Vorbereitungsarbeit verbunden.

Den idealen Weg der Selbstpräsentation habe ich noch nicht gefunden, wachse aber langsam in die Aufgabe hinein. Ich will andere nicht mit Belanglosigkeiten aus meinem Leben langweilen oder gar nerven, aber durchaus vermitteln, was mir Spaß macht, was ich gut finde, was mir wichtig ist, jedenfalls soweit es zumindest entfernt etwas mit meiner beruflichen Tätigkeit zu tun hat.

Sie werden informiert

Wahrscheinlich werden Sie ohnehin schon mit Informationen überschüttet. Trotzdem spreche ich den Informationswert von Twitter hier ausdrücklich an. Der wesentliche Punkt ist: Sie entscheiden, von wem Sie Informationen erhalten, indem Sie diesen Personen oder Unternehmen folgen. Das geschieht per Knopfdruck. Sie müssen niemanden als Kontakt einladen oder gar begründen, warum Sie an der Person oder dem Unternehmen interessiert sind. Als Follower besagter Personen oder Unternehmen werden Ihnen deren Tweets in der eigenen Timeline angezeigt. So erfahren Sie nicht nur das Aktuellste vom Tage, sondern auch, was Kollegen so machen, welches Buch gerade neu erschienen ist, wer welche Meinung zu einem Thema hat und wann und wo interessante Veranstaltungen stattfinden. Viele berichten auch mit Fotos direkt von Veranstaltungen oder es werden Live-Videos über die App Periscope angeboten.

Stellen Sie fest, dass die Tweets doch nicht so interessant sind, wie Sie dachten, oder haben Sie das Gefühl, mit Tweets überflutet zu werden, klicken Sie einfach wieder aufs Knöpfchen und Sie sind die Tweets dieser Quelle wieder los.

Sie werden inspiriert und unterhalten

Manchmal bleibt es nicht bei der bloßen Information, sondern Sie erhalten außerdem Input, der Sie auf neue Ideen und in eigener Sache einen kleinen oder größeren Schritt weiterbringt. Wenn Ihr Kollege z. B. Fotos von seinem Workshop twittert, bekommen Sie vielleicht Lust, auch mal Workshops anzubieten. Der Zeitungsartikel, auf den jemand hinweist, bringt Sie auf eine Idee für den nächsten Blogartikel oder Sie erfahren, welches Thema andere gerade beschäftigt und überlegen, sich dort mal schlau zu machen. Ich lasse mich auf Twitter vor allem in visueller Hinsicht inspirieren, indem ich vielen Menschen folge, die Sketchnotes zeichnen und diese über Twitter teilen. Die Zeichnungen anzuschauen macht mir nicht nur viel Spaß, ich entdecke auch immer wieder kleine Visualisierungsschnipsel, die mir besonders gut gefallen und die ich mir deshalb merke und abgucke.

Twitter hat außerdem einen Unterhaltswert. Cartoons, Kurioses, lustige Fotos oder Videos werden natürlich besonders gern geteilt.

Sie kommen und bleiben leicht mit anderen in Kontakt

Wie oben erwähnt, entscheiden Sie, wessen Tweets in Ihrer Timeline angezeigt werden. Folgen können Sie z. B. Berufskollegen, Politikern, Zeitungen, Verlagen, Organisationen, Unternehmen oder Vereinen. Vermutlich sind auch Leute darunter, mit denen Sie gerne näher in Kontakt kommen möchten. Das geht ganz leicht, indem Sie entweder auf Tweets antworten oder Personen in Ihren Tweets erwähnen (mit @accountname), sodass diese über den Tweet informiert werden und darauf reagieren können.

Screenshot Tweet mit Antwort

Eine einzelne Antwort oder ein einzelner Tweet reicht natürlich nicht aus, damit der andere Sie wirklich wahrnimmt, aber wenn Sie dies häufiger machen und interessante Kommentare von sich geben bzw. häufiger Tweets betreffender Person retweeten, also an Ihre Follower weiterverteilen, kann sich das durchaus ändern. Sie müssen auch nicht gleich auf Tweets antworten. Sie zu liken, also per Klick kundzutun, dass Ihnen ein Tweet gefällt, kann auch ein erster Schritt sein, in das Blickfeld des anderen zu rücken. Wenn man es aufschreibt, klingt das alles sehr strategisch. In der Praxis passiert es eigentlich von selbst. Wenn mir Tweets gut gefallen, like ich sie, wenn sie in meinen beruflichen Kontext passen, verteile ich sie weiter. Anderen geht es ebenso und man entdeckt sich ganz automatisch.

Leicht ist die Kontaktaufnahme zu Menschen, die Sie noch nicht kennen, im Übrigen auch deshalb, weil Ihnen stets nur 140 Zeichen zur Verfügung stehen. Sie müssen folglich nicht einmal überlegen, wie Sie den anderen ansprechen wollen. Sie schreiben keine Mail mit förmlicher Anrede, sondern kommen gleich zur Sache.

Eine Möglichkeit, interessante Tweets und Twitter-Accounts zu finden, ist übrigens die Suche über Hashtags, also Stichwörter in Kombination mit der Raute (#), z. B. #Anwaltstag2016.

Sie kommen aber nicht nur leicht mit anderen in Kontakt, es fällt auch leicht, in Kontakt zu bleiben; natürlich nur auf eine sehr oberflächliche Art und Weise, aber immerhin. Über Twitter nimmt man am Leben anderer Teil und bringt durch Likes, Retweets und Antworten auf Tweets immer wieder zum Ausdruck, dass man da ist und mit Interesse verfolgt, was andere so machen. Das ist sehr viel schneller und mit mehr Leichtigkeit getan, als eine E-Mail zu schreiben oder zu telefonieren und doch sehr schön und nachhaltig.

Sie bekommen Feedback

So wie Sie die Tweets anderer liken, retweeten und kommentieren, tun dies andere im Idealfall auch mit Ihren Tweets. Natürlich werden Sie oft genug das Gefühl haben, dass niemanden interessiert, was Sie twittern. Doch es gibt auch positive Überraschungen. Ich kam z. B. irgendwann auf die glorreiche Idee, per Tweet auf meine Werbebroschüre hinzuweisen und dachte mir: Na ja, wenn ich so offensichtlich für meine Arbeit werbe, wird das wahrscheinlich eher ignoriert werden. Überraschung: Das Gegenteil war der Fall.

Bei anderem bin ich wiederum überrascht, wie wenig Resonanz es erhält, obwohl ich dem Tweet bzw. dem verlinkten Inhalt eigentlich einen hohen Nutzwert beigemessen hätte. Man steckt nicht drin und muss einfach ausprobieren, was die eigenen Follower interessiert. Andererseits wirken Sie mit dem, was Sie twittern, natürlich auch darauf ein, wer Ihnen überhaupt folgt. Die Kunst besteht folglich darin, seinem eigenen Kommunikationskonzept treu zu bleiben und gleichzeitig die Wünsche der Follower nicht aus dem Blick zu verlieren.

Feedback gibt es theoretisch zwar auch auf Xing, meine Erfahrung ist allerdings, dass viele Xing-Nutzer die Plattform nicht wirklich aktiv nutzen, sondern eher einen passiven Mitgliedsstatus haben. Viele loggen sich nur sehr selten überhaupt ein, um mal zu gucken, was andere so machen. Auf Twitter ist das anders. Dort wird unentwegt kommuniziert, was natürlich nicht ausschließt, dass es auch dort zahlreiche verwaiste Accounts gibt. Insgesamt ist aber deutlich mehr Bewegung drin und Sie haben mehr Möglichkeiten, wahrgenommen zu werden. Auch habe ich den Eindruck, dass die Menschen auf Twitter sich eher als Community verstehen und bereit sind, auch mal positives Feedback zu geben. Anderswo melden sich leicht nur diejenigen zu Wort, die destruktive Kritik loswerden wollen.

Sie werden überrascht

Als ich mich bei Twitter angemeldet habe, hatte ich große Zweifel, ob die Plattform für mich überhaupt lohnt. Zu meiner Zielgruppe gehören vor allem Juristen und Fachverlage. Die Zahl der twitternden Juristen ist allerdings überschaubar und in den Verlagen ist das twitternde Personal voraussichtlich nicht identisch mit den Personen, die mir Aufträge erteilen könnten. Was soll ich also auf Twitter? Es hat nicht lang gedauert, bis ich eine Antwort darauf gefunden hatte. Durch meine Tweets wurden nämlich Leute auf mich aufmerksam, die ich eigentlich gar nicht im Visier hatte. Einer verlinkte einen meiner PowerPoint-Artikel gleich auf einem einschlägigen Portal und das Hurraki-Wörterbuch für Leichte Sprache stellte mich kurz darauf in seinem Blog als Juristin vor, die auch Schaubilder in Leichter Sprache erstellt. Ich bekam Kontaktanfragen auf Xing, weil ich Personen auf Twitter aufgefallen war, und habe erst durch Twitter von den vielen tollen Menschen erfahren, die Sketchnotes zeichnen. Mittlerweile folge nicht nur ich ihnen, sondern sie auch mir. Was ich damit sagen will: Twitter hat meinen Horizont deutlich erweitert und mich mit Ereignissen und Menschen überrascht, mit denen ich nicht gerechnet hätte. Eine schöne Erfahrung!

Sie werden von Kunden/Mandanten gefunden

Ja, auch das kann passieren. In eigener Sache kann ich berichten, dass ich in dem halben Jahr auf Twitter einen Auftrag erhalten habe, weil jemand über Twitter auf meine Angebote aufmerksam geworden war.

Fazit

Für mich ist Twitter aus meinem Berufsalltag nicht mehr wegzudenken. Twittern kostet zwar auch Zeit und lenkt gelegentlich von vermeintlich Wichtigerem ab, aber ich bekomme auch unheimlich viel, ohne dass ich dafür auch nur einen Euro investieren muss.

Spielt der Zeitfaktor für Sie die entscheidende Rolle? Dann kann ich Sie beruhigen: Wahrscheinlich kommt Ihnen der Zeitaufwand anfangs nur deshalb sehr groß vor, weil es etwas Neues ist, mit dem Sie sich erst vertraut machen müssen. Letztlich gehören die sozialen Medien aber heute zum Büroalltag genauso dazu wie das Telefon und das E-Mail-Postfach. Sie würden wahrscheinlich auch nicht überlegen, Ihr Telefon abzuschaffen, weil es Zeit kostet, Telefonate zu führen. Sie würden vielmehr schauen, wie sich Ihr Büroalltag so organisieren lässt, dass Sie nicht ständig durch Anrufe gestört werden. So können Sie es mit Twitter auch machen. Mit Ihrer Präsenz dort arbeiten Sie unaufhörlich an Ihrer Vernetzung, Sichtbarkeit und mittelbar auch an Ihrer Kundengewinnung. Es ist also kein bloßer Zeitvertreib, sondern durchaus eine sinnvolle Beschäftigung – zumindest kann es das sein, wenn Sie ein Kommunikationskonzept haben und dieses Konzept auch umsetzen.

 


Nicola Pridik
Über die Autorin
Nicola Pridik ist Juristin und Inhaberin des Büros für klare Rechtskommunikation in Berlin. Mit ihren Dienstleistungen unterstützt sie ihre Kundinnen und Kunden dabei, Rechtsinformationen verständlich und anschaulich für ihre jeweiligen Zielgruppen aufzubereiten. Dabei steht die Visualisierung von Recht im Mittelpunkt. kontakt@npridik.de, Twitter: @nicolapridik, Xing: www.xing.com/profile/Nicola_Pridik