Juristen ohne Talent: Können Sie auch nicht zeichnen?

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Jurist(inn)en haben ja viele Talente. Kommen sie allerdings in die Situation, in einem Seminar, einer Beratung oder Besprechung mal schnell etwas aufzeichnen zu müssen, und sei es nur eine Sachverhaltsskizze, entschuldigen sie sich gerne einleitend mit dem Satz: „Ich kann leider nicht zeichnen.“ Erkennen Sie sich wieder? Und ärgern Sie sich im Stillen, dass Sie zwar in der Lage sind, Ihrem juristischen Gegner mit einem Schriftsatz Schweißperlen auf die Stirn zu treiben, aber an einem Strichmännchen scheitern? Ich kann Sie beruhigen: Ihr Ärger ist der erste, um nicht zu sagen der wichtigste Schritt zur Besserung. Viel wichtiger als Ihr Zeichentalent ist nämlich, dass Sie überhaupt bereit sind, sich auf Bilder in Ihrer Arbeit einzulassen. Der Rest ist leichter, als Sie denken.

Der Beitrag wurde zuletzt im Mai 2019 bearbeitet.

Rechtsvisualisierung geht alle Juristen etwas an

Ja, Sie haben ja Recht: Die Juristerei ist seit jeher eine Wissenschaft der Sprache. Es lässt sich jedoch nicht mehr wegdiskutieren, dass Bilder in unserer digitalen Welt nicht nur eine zentrale Rolle spielen, sondern auch die Kommunikation ganz wesentlich beeinflussen und verändern. Das Recht kann und darf sich dieser Entwicklung nicht verschließen. Schließlich soll es die Menschen erreichen, die in der digitalen Welt leben. Bilder sind Blickfänger, machen neugierig, veranschaulichen Inhalte und tragen so zu ihrem Verständnis bei.

Müssen Sie deshalb als Jurist(in) das Zeichnen lernen? Nein, müssen Sie nicht. Es geht vielmehr darum, sich dem Thema Rechtsvisualisierung zu öffnen und nach Wegen zu suchen, es in die eigene Arbeit hineinzuholen. Wie Sie das machen, ist Ihnen überlassen: Sie können z. B.  stärker als bisher in Ihren PowerPoint-Präsentationen auf Bilder setzen, juristische Schaubilder zur Vermittlung von Recht nutzen, Erklärvideos auf Ihre Website stellen, sich einen eigenen YouTube-Kanal zulegen, um Ihre Zielgruppe mit juristischen Themen zu erreichen, oder Ihre zeichnerischen Fähigkeiten verbessern. Das Zeichnen ist also nur ein Weg von vielen. Es ist ein Weg, der keine großen Investitionen erfordert und viel Spaß machen kann, wenn Sie die ersten unsicheren Schritte erst mal hinter sich gebracht haben.

Wie Sie hier sehen, kann man juristische Schaubilder auch mit Handgezeichnetem kombinieren:

Richtig informieren, aufklären und dokumentieren nach dem Patientenrechtegesetz 2013

Menschen zeichnen ganz einfach

Das Schöne ist: Beim schnellen Skizzieren auf einem Stück Papier, dem Flipchart oder einem Tablet-PC müssen Sie die Dinge nicht naturgetreu wiedergeben. Vielmehr ist das Ziel, sie auf ihren Kern zu reduzieren und möglichst einfach darzustellen. Natürlich ist es toll, wenn das Ergebnis am Ende auch schön aussieht. Wichtig ist aber in erster Linie, dass man erkennt, was visualisiert wurde, und sich aus dem Kontext ergibt, welche Bedeutung die Figur oder der Gegenstand haben soll. Mit anderen Worten: Sie müssen keine perfekte Zeichnung abliefern. Mühe geben sollten Sie sich allerdings schon – allein aus Respekt gegenüber Ihren Adressat(inn)en. Nachfolgend möchte ich Ihnen ein paar Beispiele solcher reduzierten Zeichnungen vorstellen.

Wer mit wenigen Strichen einen Menschen zeichnen soll, greift in der Regel auf das  klassische Strichmännchen zurück. Das ist absolut legitim. Nicht jede(r) Zeichner(in) fühlt sich jedoch wohl damit, denn das Ergebnis erinnert leicht an die ersten Zeichenversuche eines Kindes. Von daher empfiehlt es sich, eine andere Darstellungsform für Menschen zu wählen, die sich zudem auch noch schneller zeichnen lässt:

Menschen zeichnen ganz einfach

Sie sehen: Aus zwei Formen lassen sich gleich fünf einfache Bildvokabeln zaubern. Kombinieren Sie zwei oder mehr Figuren mit nur einer einzigen weiteren Form, erweitern Sie Ihren visuellen Wortschatz nochmals:

Bildvokabeln Menschen

Eingeräumt sei, dass Sie nicht alle Bildvokabeln, in denen Menschen vorkommen, in dieser Form werden umsetzen können, aber das soll uns im Moment nicht weiter stören. Wir konzentrieren uns vielmehr auf die Erkenntnis, dass einfache Formen zum Visualisieren völlig ausreichen und sich mit ihnen viel mehr visualisieren lässt, als man denkt.

Inzwischen gibt es zu diesem Thema einen eigenen Blogartikel: Menschen zeichnen in Sketchnotes und am Flipchart.

Bildvokabeln lernen und einüben

Nachdem Sie die Beispiele oben gesehen haben, leuchtet Ihnen sicher auch ein, wieso Ihr Problem nicht das angeblich fehlende Zeichentalent ist. Die Bilder sind so simpel, dass Sie keine Mühe haben werden, sie abzuzeichnen. Das eigentliche Problem liegt ganz woanders: Als Erwachsene haben wir es verlernt, Dinge, die uns durch den Kopf gehen, unbefangen aufmalen zu können. Kinder sind uns da ein großes Stück voraus. Während ihnen immer etwas einfällt, was sie zeichnen könnten, ist unser Kopf oft leer, wenn wir nach einem passenden Bild für das suchen, was wir sagen wollen. Und wenn uns eines einfällt, sind wir unfähig, es aufs Papier zu bringen.

Die gute Nachricht ist: Das lässt sich ändern. Wenn Sie sich nämlich einmal Gedanken dazu gemacht haben, wie Sie einen Begriff darstellen wollen und geübt haben, ihn zu zeichnen, wird er Ihnen auch einfallen, wenn Sie ihn brauchen. Es ist wie bei einer Fremdsprache: Bevor wir neue Vokabeln spontan und sicher in einem Kontext verwenden können, müssen wir sie lernen und ständig wiederholen.

Wie packen Sie es also an? Ich würde sagen: Springen Sie mutig ins kalte Wasser, tauchen Sie ein in das Meer der visuellen Sprache und beginnen Sie langsam, aber entschlossen mit den ersten Schwimmübungen. Mit ein bisschen Unterstützung von außen werden Sie schnell erste tolle Ergebnisse erzielen. Sie werden sehen. Bis Sie sich sicher fühlen, dauert es natürlich eine ganze Weile. Das ist nicht anders als beim Lernen einer Fremdsprache. Trotzdem lohnt sich der Aufwand, denn mit jeder Bildvokabel, die Sie sich aneignen, wächst Ihre visuelle Kompetenz. Allein das wird Sie motivieren, immer weiterzumachen.

In 6 Schritten zum zeichnenden Juristen:

  1. Sammeln Sie visuelle Ideen zu den Begriffen, die in Ihrem beruflichen Alltag besonders häufig vorkommen.
  2. Bringen Sie Ihre besten visuellen Ideen aufs Papier und versuchen Sie dabei, Ihre Zeichnungen auf die wesentlichen Elemente zu reduzieren. Fragen Sie sich also: Was ist unbedingt erforderlich, um den fraglichen Gegenstand oder Begriff als solchen erkennen zu können?
  3. Zeichnen Sie den jeweiligen Gegenstand immer und immer wieder, bis er Ihnen gefällt und Sie ihn im Schlaf beherrschen.
  4. Prägen Sie sich ein, WIE Sie ihn zeichnen (Mit welchem Bestandteil fangen Sie an? Wie geht es dann weiter?)
  5. Machen Sie sich die Mühe, mit einem grauen Stift Schatten einzufügen. Das gibt dem Bild Tiefe und lässt Ihre Zeichnung gleich viel besser aussehen.
  6. Setzen Sie die neu gelernte Bildvokabel bei der nächsten Gelegenheit ein.

Vielleicht ist dies hier auch eine passende Methode für Sie: Zeichnen üben mit Bild-Karteikarten.

Um Ihnen den Einstieg zu erleichtern, habe ich schon mal einige Begriffe für Sie zusammengetragen. So kommen Sie vielleicht schneller auf eigene visuelle Ideen. Sie können „meine“ Begriffe natürlich auch anders darstellen. Es gibt hier kein richtig oder falsch. Wichtig ist nur, dass die Bilder am Ende im eingesetzten Kontext ihren Zweck erfüllen, Inhalte zu veranschaulichen. Sind Sie bereit, Geld zu investieren, können Sie sich auch ein visuelles Wörterbuch kaufen. Empfehlenswert sind z. B. die Bücher aus der bikablo®-Reihe. Schließlich werden Sie in den nächsten Wochen auch in meinem Blog einige Anregungen zum Zeichnen finden.

Bilder für den Juristenalltag - Brainstorming

Bilder für den Juristenalltag - Brainstorming

 


Nicola Pridik
Über die Autorin
Nicola Pridik ist Juristin und Inhaberin des Büros für klare Rechtskommunikation in Berlin. Mit ihren Dienstleistungen unterstützt sie ihre Kundinnen und Kunden dabei, Rechtsinformationen verständlich und anschaulich für ihre jeweiligen Zielgruppen aufzubereiten. Dabei steht die Visualisierung von Recht im Mittelpunkt. kontakt@npridik.de, Twitter: @nicolapridik, Xing: www.xing.com/profile/Nicola_Pridik


 

Bildvokabeln für den juristischen Alltag (90 Visualisierungsideen mit Zeichenanleitung)

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Handgezeichnete Bilder in PowerPoint-Präsentationen einfügen und bearbeiten

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